Zur Abwechslung mal ein Post in meiner geliebten Muttersprache.
Ich stolperte gestern in der Zeitung über folgenden Bericht:
http://www.tagesspiegel.de/berlin/polizei-justiz/fremdenfeindlicher-angriff-trio-bricht-indonesier-fast-das-genick/6046336.html
Ich fasse mal kurz zusammen:
Schönhauser Allee, nachts um 5. Ein Indonesier quatscht ne Frau an. Fragt sie nach dem Weg, will sie aber eigentlich nur zu nem Kaffee einladen. Neben ihm machen sich drei (mutmaßlich glatzige) Männer über ihn lustig. Es kommt zum Streit, die Situation eskaliert, und er wird übelst verprügelt und liegt jetzt mit lebensgefährlichen Verletzungen im Krankenhaus. Und das ist echt scheiße, keine Frage. Dass der Mann so schwer verletzt wurde, ist schlimm. Dass diese drei Kerle anscheinend blind ihre Aggressionen rausgelassen haben, ist auch schlimm. Ich hoffe, dass die gefasst werden.
Aber ich bin beim Lesen erstmal weniger über das Ende der Geschichte gestolpert, sondern vielmehr den Anfang.
Der Mann hat mitten in der Nacht eine junge Frau angesprochen, um sie nach dem Weg zu fragen. Dann wollte er sie aber plötzlich auf einen Kaffee einladen.
Irgendwie ist mir an dieser Stelle die Hutschnur geplatzt. Weil ich genau diese Scheißmasche schon so oft selbst erlebt habe.
Du bist mitten in der Nacht, in der Kälte und Dunkelheit, unterwegs und willst einfach nur deine Bahn kriegen. Du tust keinem was, also soll dir bitte keiner was tun. Dann kommt so ein Typ auf dich zu und du fängst schon an, dir für den Zweifelsfall deine Fluchtchancen auszurechnen oder abzuschätzen, ob du ihm noch die Eier eintreten kannst, falls er frech wird. Die High Heels werden ihm ordentlich weh tun, aber kann ich danach schnell genug wegrennen?
Und dann quatscht der dich auch noch an und du denkst "verschone mich, seh ich denn so gesprächig aus?"
Und dann will er nur nach dem Weg fragen. Du denkst dir, oh Gott, ich schlechter Mensch, der arme Ausländer/Ortsfremde. Steht hier in der Nacht, hat vermutlich nicht unbedingt die Kohle für ein Taxi. Na schön, versuch ich ihm den Weg zu erklären und renne dann eben nach meiner Bahn. Aber ich würde doch in einer fremden Gegend auch wollen, dass jemand mir schnell den Weg erklärt. Wenn es geht jemand, der nicht so aussieht, als ob er mir die Brieftasche klaut, wenn ich ihn anspreche.
Tja, und so stand ich dann schon so manches Mal tags oder auch nachts auf der Straße und erklärte demjenigen den Weg.
Und wenn ich fertig war, wollte der plötzlich mit mir was trinken oder essen gehen. Und nicht nur einmal habe ich genau wegen dieser einen Minute, die ich da anhielt, um demjenigen freundlich den Weg zu erklären, dann mein Verkehrsmittel noch schön beim gerade Wegfahren gesehen und durfte ne halbe Stunde auf die nächste Bahn warten.
Wenn er wirklich Hilfe gebraucht hätte, hätte mir das nichts ausgemacht. Aber wenn man dann feststellt, dass dieses blöde Arschloch einen nur absichtlich aufhalten wollte, um einen "auf einen Kaffee einzuladen", dann finde ich das leider nicht sehr schmeichelhaft.
Nein, es ist nicht ein einfacher Kaffee!!! Da ist ein dummes Machoschwein auf Fickjagd und hat offensichtlich beschlossen, dass ich wie eine dermaßen billige Nutte aussehe, dass er mich schön leicht flachgelegt kriegt.
Ich bin in solchen Fällen immer mit SEHR STARK ENTGLEISTEN Gesichtszügen abgedampft und habe nur Dinge wie "Unverschämtheit" gemurmelt. Tja, sorry, ich finde eben nicht, dass eine von einem wildfremden Kerl in einer dunklen Gasse ausgesprochene "Einladung zum Kaffee" etwas ist, wofür ich noch dankbar sein sollte. Sowas ist unterste Schublade.
Aber gerade, wenn so etwas nachts passiert, wäre ich so manches Mal wirklich dankbar gewesen, wenn ein paar junge Männer in der Nähe gestanden hätten, die zumindest verbal zu erkennen gegeben hätten, dass sie gerade mithören, was dieser Mann zu mir sagt, dass er also nicht unbeobachtet ist und sich lieber zweimal überlegen sollte, ob er mir zu nahe tritt.
Ich hätte keine ausländerfeindlichen Sprüche gewollt, und natürlich auch nicht, dass es da eine schlimme Prügelei gibt. Besonders nicht mit derart schrecklichem Ausgang.
Aber trotzdem kann mir das Prügelopfer nicht so übermäßig leid tun, weil ich diesen "Bitte, ich brauche Hilfe, ich finde den Weg nicht..... Kaffeetrinken?"-Kerlen schon so manches Mal mächtig eins aufs Maul gewünscht habe. Denn wer sowas macht, ist ein verdammtes Arschloch.
Manche mögen jetzt sagen "Aber so lernen Menschen sich nun einmal kennen. Vielleicht heiraten manche Leute, die sich ursprünglich mal so kennengelernt haben."
Schön.
Kann sein.
Aber ich fände es seltsam, in 10 Jahren die folgende Unterhaltung zu führen:
"Mutti, wie habt ihr euch kennengelernt, du und Vati?"
"Er hat mich in einer dunklen Nacht angesprochen und zuallererst mal mächtig verarscht. Dann hat er mich zu nem Kaffee eingeladen und ich find notorische Lügner so geil, dass ich gleich ja gesagt habe. Da ich dadurch in der bewussten Nacht sehr lange in der Kälte stand, lag ich die gesamte nächste Woche mit einer Erkältung flach.
Hach, das war sooooo romantisch damals!"
Im Ernst, wer glaubt so nen Scheiß?
Oi das ist aber mal extrem. Ich hatte keine Ahnung. Mir passiert sowas nie. Aber gut, dass ich dich habe, der meine Naivität aus mir raus bekommt...
ReplyDeleteDas erinnert mich an diesen Artikel hier:
ReplyDeletehttp://kateharding.net/2009/10/08/guest-blogger-starling-schrodinger%E2%80%99s-rapist-or-a-guy%E2%80%99s-guide-to-approaching-strange-women-without-being-maced/
Klar, blöd, dass es offensichtlich gleich wieder in Rassismus und Schlägerei ausgeartet ist, aber ich verstehe, was du sagen willst. Ich HASSE es auch, auf der Straße angequatscht zu werden! Besonders Abends/Nachts! Ich bin sowieso die ganze Zeit auf Adrenalin 20000, horche rum, halte nach merkwürdigen Typen Ausschau und will meistens einfach nur nach Hause. Allerdings werde ich aber auch ungerne tagsüber angequatscht. Ehrlich: wer lernt sich WIRKLICH auf die Ich-hab-deine-Mama-auf-der-Straße-angequatscht-Tour kennen? 1% der Leute? 0,5%? Ich denke mir tagsüber schon immer: "Na, haste dir gedacht, bei meinem Gesicht hast selbst DU eine Chance auf 'nen Fick?", und Abends/Nachts wird dieses Gefühl nur noch verstärkt in: "Na, schon Hotel gebucht aber noch nichts gefunden und jetzt verzwiefelt auf der Suche?" Es ist, wie es in dem Artikel steht: Der Typ kann ja unglaublich nett sein, vielleicht für mich bestimmt, meine andere Hälfte! Aber woher soll ich das wissen? Und auch dann möchte ich von dieser nicht mitten in der Nacht auf der Straße belästigt werden ò.ó
@Annika: Jaja, es hat schon seine Gründe, warum ich Berlin zunehmend weniger leiden kann. Ich erlebe kaum einen Tag, an dem ich nicht entweder blöd oder unverschämt angemacht werde oder an dem ich einen Geistesgestörten in meiner Nähe ertragen muss. (Letzteres nicht im übertragenen Sinne. Ich meine wirklich Geisteskranke, die sich im Winter nun mal leider besonders gern in Bahnen und an Bahnhöfen herumtreiben.Heute erst wieder gehabt.)
ReplyDelete@D:Wow, der Artikel ist ja genial. Und absolut korrekt. Den hab ich gleich in meine Bookmarks aufgenommen. Die Frau bringt es auf den Punkt. Und ich als Berlinerin kann auch nur sagen, dass ich das so wahrnehme, dass insbesondere solche seltsamen Anmachen einer der Faktoren sind, die den Ruf der Berliner als so wahnsinnig unfreundlich bestimmen. Hier ist es nun mal nicht üblich, wildfremde Menschen auf der Straße anzusprechen, weil hier einfach zu viel Gesocks unterwegs ist. Wenn Leute das machen, sind es in der Regel Ortsfremde, die vielleicht mit unserer abwehrend-pampigen Reaktion überfordert sind, aber die verstehen vielleicht auch nicht, dass das in dieser Gegend auch notwendig ist, um einigermaßen unbehelligt durch die Stadt zu reisen.
Neeeneenee....